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Eine Unterschrift unter einen Vertrag als Symbol für das Vertragsdrafting

Warum Gründer das Drafting kontrollieren sollten

Im Normalfall wählt der Investor den Anwalt aus, der den Beteiligungsvertrag erstellen soll. Gegenüber dem Gründer wird dies meistens damit begründet, dass der ausgewählte Anwalt bereits über eine Vorlage verfügt, die alle Anforderungen des Investors erfüllt sowie marktüblichen Best Practice-Richtlinien entspricht. Dadurch soll das Drafting des Vertrags deutlich schneller und kostengünstiger ablaufen. Da die wenigsten Gründer sich gut mit Vertragsrecht oder Startup Finanzierungsrunden auskennen, sind sie häufig nur zu bereit, die Verantwortung für das Drafting an den Investor abzugeben. Aber ist dies die richtige Entscheidung?

Die Verwendung eines vom Investor bereits in früheren Beteiligungen genutzten Mustervertrags als Startpunkt reduziert in der Tat die Kosten und die Dauer des Draftings erheblich. Allerdings entsteht dem Gründer durch die Verwendung des vom Investor gestellten Musters eine Reihe von Nachteilen. Der erste Vertragsentwurf ist extrem wichtig, da nach Ansicht der federführenden Partei alle Bestimmungen marktüblich und nicht verhandelbar sind. Der erste Vertragsentwurf definiert damit die Baseline in den folgenden Verhandlungen. Das vom Investor verwendete Muster enthält in der Regel alle Wunschpunkte des Investors sowie weitere Bestimmungen, die der Investor als Nice-to-have ansieht. Er ist somit sehr investorenfreundlich gestaltet. Sollten im Zuge der Verhandlungen Bestimmungen abgeändert oder ganz gestrichen werden, macht der Investor damit implizit Zugeständnisse an den Gründer. Es besteht die Gefahr, dass der Investor im Laufe der Verhandlungen in eine starke Verhandlungsposition versetzt wird, da er Zugeständnisse in unwichtigen Punkten, also seinen nice-to-haves, macht ohne in den wichtigen Streitpunkten nachzugeben. Der Gründer wird dadurch unter Druck gesetzt, ebenfalls Zugeständnisse zu machen und im Gegenzug die dem Investoren wichtigen Bestimmungen zu akzeptieren. Hat der Gründer und sein Anwalt im Gegenzug die Verantwortung für das Drafting übernommen, ist die Rollenverteilung umgekehrt und der Investor muss jede Bestimmung verteidigen und erklären, die er dem Vertrag hinzufügen will. Dies kann in einer Reihe von investorenfreundlichen Bestimmungen zu Grundlagendiskussionen führen, die sonst nie aufgekommen wären.

Aus meiner Sicht nutzen Gründer viel zu selten die Möglichkeit, den Anwalt selbst zu bestimmen und damit den Prozess zu führen. Im Endeffekt bezahlt immer das Startup für die anfallenden Anwaltskosten. Es ist deshalb nur fair, wenn der Gründer den Anwalt für das Drafting bestimmt. Er wird diesen Vorteil dringend benötigen, um nicht als Verlierer aus den Vertragsverhandlungen hervorzugehen. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, wie viel gründerfreundlicher ein Beteiligungsvertrag ausfällt, in dem der Gründer den Prozess geführt hat.

In späteren Finanzierungsrunden ändert sich diese Dynamik grundlegend. Im Allgemeinen besteht eine sehr hohe Interessendeckung zwischen Gründern und Altinvestoren. Alle Altgesellschafter wollen den Wert des Startups maximieren und sich möglichst wenig durch den Neuinvestor verwässern lassen. Die existierenden Investoren aus den vorherigen Finanzierungsrunden werden natürlich versuchen, möglichst alle Privilegien aus vergangenen Finanzierungsrunden zu bewahren. Der hinzukommende Neuinvestoren wird darauf drängen, dass der neue Beteiligungsvertrag alle alten Verträge ersetzt und dass möglichst wenig nicht marktübliche Sonderrechte erhalten bleiben. Es ist marktüblich dass der Neuinvestor den Anwalt stellt, der das Drafting übernimmt. Ob der neue Beteiligungsvertrag auf dem alten Vertragswerk oder auf einer Vorlage des Neuinvestors beruht, hängt von vielen Faktoren und nicht zuletzt der Verhandlungsposition des Startups ab. Normalerweise wird der bisherige Lead-Investor als Verhandlungsführer für alle Altgesellschafter zusammen mit dem CFO des Startups die Vertragsverhandlungen mit dem Neuinvestor führen. Da jeder Gesellschafter dem neuen Beteiligungsvertrag zustimmen muss, wird es trotzdem zu einer Vielzahl an Telefonkonferenzen und Abstimmungstelefonaten kommen.

Tim hat über sechs Jahre Erfahrung im Bereich Startups und Finanzierung. Er arbeitete bei zwei Venture Capital Fonds, leitete den Bereich Finanzen für ein VC finanziertes Unternehmen und war Mitgründer von zwei Startups.

Tim Weiss

Tim hat über sechs Jahre Erfahrung im Bereich Startups und Finanzierung. Er arbeitete bei zwei Venture Capital Fonds, leitete den Bereich Finanzen für ein VC finanziertes Unternehmen und war Mitgründer von zwei Startups.