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Ein Junger man vor einem Computer als Symbol für Screening in Venture Capital Fonds

Screening in Venture Capital Fonds

Venture Capital Fonds sprechen pro Jahr mit Hunderten bzw. Tausenden von Startups. Das bedeutet für jeden einzelnen Investor, dass er eine Menge Beteiligungsmöglichkeiten analysieren muss. Um die Auswahl zu erleichtern, durchlaufen die meisten Startups deshalb zunächst eine Vorprüfung, das sogenannte Screening. Ziel des Screenings ist es, die Startups, die nicht in den Investitionsfokus passen oder nicht den Qualitätsansprüchen gerecht werden, auszusortieren und ihnen direkt abzusagen. Wie das Screening genau verläuft, ist von Fonds zu Fonds unterschiedlich. Es landen normalerweise nur solche Beteiligungsmöglichkeiten im Screening, die noch nicht auf andere Art und Weise qualifiziert wurden.

Vorstellungen aus dem Netzwerk

Das Netzwerk eines Investors ist nicht nur die größte Quelle an Beteiligungsmöglichkeiten, es übernimmt auch eine Filter- und Signalfunktion. Dadurch kann es das Screening in vielen Fällen ersetzen. Wird ein Startup dem Investor aus seinem engeren Netzwerk empfohlen, bürgt jemand mit seiner Reputation für die Qualität der Beteiligungsmöglichkeit. Bei halbherzigen Vorstellung oder bei Vorstellung aus dem weiteren Netzwerk des Investors landet ein Startup allerdings trotz Intros häufig im Screening Prozess.

Kaltakquise

Businesspläne und Pitch Decks, die durch ein Kontaktformular oder eine [email protected] Email-Adresse eines Investors geschickt werden, landen immer im Screening. Da diese Kontaktkanäle normalerweise nicht von einem Investor sondern vom Office Management verwaltet werden, kann es zudem zu einer erheblichen Verzögerung in der Bearbeitung kommen. Wie in dem Artikel Fundraising Schritt 2: Investoren ansprechen beschrieben, ist es daher stets anzuraten, über eine Vorstellung mit dem jeweiligen Investor in Kontakt zu treten.

Zuständigkeit

Das Screening ist normalerweise die Aufgabe der Analysten in einem Fonds. Falls der Fonds über keine Analysten verfügt, teilen sich in der Regel die übrigen Investoren das Screening untereinander auf oder der dienstjüngste Investor übernimmt die Aufgabe. Viele Fonds geben die Screening Aufgabe an ihre Praktikanten, um ihnen so in kurzer Zeit eine Vielzahl an Geschäftsmodellen und Branchen zu zeigen.

Zielsetzung

Es ist wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass es nicht der Sinn des Screenings ist herauszufinden, ob in ein bestimmtes Startup investiert werden soll. Dafür gibt es den Beteiligungsprozess. Vielmehr ist das Screening ausschließlich dazu da, eine schnelle Vorauswahl zu treffen und nicht interessante Beteiligungsmöglichkeiten möglichst früh auszusortieren. Deshalb fokussieren sich Investoren beim Screening häufig auf die negativen Aspekte, also warum das Startup nicht klappen bzw. nicht interessant für den Investor sein könnte. Da das Screening von allen Aufgaben eines Investors den geringsten Mehrwert erzeugt, wird versucht, möglichst wenig Ressourcen darauf zu verwenden. Investoren optimieren deshalb beim Screening nicht auf Qualität oder Genauigkeit, sondern versuchen die eingesetzte Zeit zu minimieren.

Ablauf

Der Investor beginnt zunächst mit der Analyse der vorhandenen Informationen aus dem Pitch Deck oder Businessplan. Dabei werden Abschnitte, die zu ausführlich sind oder nicht relevant erscheinen, meist gar nicht gelesen. Danach schaut sich der Investor das Produkt bzw. die Webseite des Startups an. Als letzten Punkt des Screenings führt der Investor häufig eine kurze Wettbewerbs- und Marktanalyse durch um offene Fragen zu klären und die mitgelieferten Informationen und Annahmen zu validieren. Je nachdem wie erfahren der Investor ist und wie umfangreich die mitgelieferten Informationen sind, wird er sich typischerweise 5 bis 30 Minuten mit einem Startup beschäftigen, bis er eine Entscheidung trifft.

Kriterien

Die zum Screening herangezogenen Kriterien kommen aus drei unterschiedlichen Bereichen: dem Investitionsfokus des Investors, dem Markt und dem Startup selbst. Bei der Entscheidung, ob das Startup für ihn interessant ist, stellt sich der Investor u.a. folgende Fragen:

  • Gehört das Startup zu einem Thema oder einer Branche, in die ich investiere?
  • Hat das Startup seinen Hauptsitz in einem Land, in dem ich investiere?
  • Befindet sich das Startup in einer Unternehmensphase, in der ich investiere?
  • Gibt es einen Konflikt mit einer existierenden Beteiligung?
  • Ist die Geschäftsidee nachvollziehbar und befriedigt ein existierendes Kundenbedürfnis?
  • Ist der Markt, in dem sich das Startup befindet, groß genug um ein Unternehmen hervorzubringen, das einen lukrativen Exit erzielen kann?
  • Ist der Wettbewerb in dem Markt schwach genug, dass das Startup eine gute Chance hat mit seinem Angebot erfolgreich zu sein?
  • Ist die bisherige Performance des Startups und der Gründer vielversprechend?
  • Sind die Gründer gut bzw. erfahren genug um eine realistische Chance zu haben erfolgreich zu sein?
  • Gibt es in der Gesellschafterstruktur bzw. bisherigen Finanzierungsgeschichte keine auffälligen Gegebenheiten, die mich von einer Beteiligung abhalten würden?

Beantwortet der Investor eine der Fragen mit Nein, kann er dem Startup bereits getrost absagen.

Red Flags

Erfahrene Investoren sehen meist bereits auf den ersten Blick, ob ein Startup spannend ist oder direkt eine Absage erhalten sollte. In vielen Fällen liegt das Startup allerdings irgendwo dazwischen. Dann sucht der Investor nach Anhaltspunkten dafür, dass das Startup nicht in sein Schema passt und er eine Absage versenden kann. Bei den sogenannten Red Flags handelt es sich um Warnhinweise, die dem Investor zeigen, dass es sich wahrscheinlich um ein schlechtes Startup handelt und er nicht investieren sollte. Red Flags sind z.B.

  • Massen-Emails an mehrere Investoren gleichzeitig
  • Unverständnis, wie Venture Capital funktioniert. Venture Capital ist kein Zuschuss, man beantragt ihn nicht 🙂
  • Schlecht formatierte oder benannte Pitch Decks und Businesspläne

Ausführliche Informationen dazu, nach welchen Red Flags Investoren Ausschau halten und wie man sie vermeiden kann, könnt Ihr in dem bald erscheinenden eBook Fundraising Hacks nachlesen.

Entscheidung

Der Entscheidungsprozess unterscheidet sich von Fonds zu Fonds. Normalerweise werden nur interessante Beteiligungsmöglichkeiten im Team besprochen und jeder Investor sagt allen Startups, die er nicht im Team-Meeting besprochen hat, eigenverantwortlich ab. Eine Ausnahme bilden unerfahrene Analysten und Praktikanten. Wenn diese für das Screening zuständig sind, gilt normalerweise das Vier-Augen-Prinzip und jede Entscheidung wird mit einem erfahrenen Investor abgesprochen.

Antwort

Das Screening endet mit einem von zwei möglichen Ergebnissen. Entweder entscheidet der Investor, dass das Startup offensichtlich nicht interessant für ihn ist und verschickt direkt eine Absage. Oder er hat Interesse mehr zu erfahren und meldet sich beim Startup um als nächsten Schritt ein erstes Treffen oder ein Telefonat zu vereinbaren. In seltenen Fällen, vor allem wenn das Screening von einem unerfahrenen Analysten oder einem Praktikanten durchgeführt wird, kann es zu einem dritten Ergebnis kommen. Der Investor meldet sich beim Startup und fragt nach weiteren Unterlagen oder bestimmten Kennzahlen. Dies bedeutet nicht, dass das Startup in den Augen des Investors das Screening bereits verlassen hat. Dementsprechend folgt auf die Antwort des Startups mit den gewünschten Informationen meist umgehend eine Absage durch den Investor.

Bild: VFS Digital Design (Flickr)

Tim hat über sechs Jahre Erfahrung im Bereich Startups und Finanzierung. Er arbeitete bei zwei Venture Capital Fonds, leitete den Bereich Finanzen für ein VC finanziertes Unternehmen und war Mitgründer von zwei Startups.

Tim Weiss

Tim hat über sechs Jahre Erfahrung im Bereich Startups und Finanzierung. Er arbeitete bei zwei Venture Capital Fonds, leitete den Bereich Finanzen für ein VC finanziertes Unternehmen und war Mitgründer von zwei Startups.